GLOBALOCAL

Globalisierung, Migration und Stadtplanung

ThinkBig

in public space at Willy-Brandt-Platz / Messestadt Riem

Die Investoren kündigen zum wiederholten Mal die baldige Fertigstellung des seit Jahren unvollständigen Komplexes an. Mit einer Erweiterung der vorhandenen Shopping-Mall soll der wegen seiner mangelnden Aufenthaltsqualität kritisierte Willy-Brandt-Platz nun vollendet werden. An der Nordseite wird der„Portikus, eine 22 Meter hohe und 150 Meter lange Säulenkolonade errichtet, die das östlich gelegene Hotel mit dem Neubau verbindet – als neues Entree des Gesamtareals“, wie Union Investment schreibt. Und tatsächlich beginnen im Herbst 2016 die Bauarbeiten.

GLOBALOCAL

Bevor das Areal dann endgültig zur Warenwohlfühlkonsumwelt wird, könnte GLOBALOCAL – eine massige Installation aus Fracht-Containern – die unvollständige Bebauung nachzeichnen und symbolisch vervollständigen. Mit den typischen Warenbehältnissen einer kommerziell globalisierten Welt würde der Willy-Brandt-Platz zu einem Ort der Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Die hoch aufragenden und aufeinander gestapelten Stahlboxen wirken dabei wie riesige Bauklötze. An den Containern sind Schriftzüge ähnlich gängiger Werbelogos aufgebracht. Allerdings bestehen diese Signets aus ungewöhnlichen, teils widersprüchlichen Wort-Kombinationen: GLOBALOCAL, FAIRUNFAIR, new (b)order, participate management, UniCredibility, poorcapital und WarTrade.

So werden z. B. Krieg und Handel in den jenseits von Arbeit und Mühsal zelebrierten Warenwelten der Shopping-Malls wie der am Platz unmittelbar angrenzenden Riem Arcaden normalerweise nicht so gern zusammengebracht. Dennoch spielen Ausbeutung von Rohstoffen, damit einhergehende soziale Konflikte und Ungerechtigkeit keine geringe Rolle bei der Aufrechterhaltung des vom ewigen Wachstum geprägten westlichen Lebenstils.

Die Installation GLOBALOCAL lässt den Willy-Brandt-Platz zur Diskursebene, zum politischen Raum werden und könnte dabei auch als Bühnenkulisse zeitgenössischen Theaters fungieren.

So berichtete die Süddeutsche Zeitung:

Vorgeschichte zu GLOBALOCAL

Immer wieder wird darüber nachgedacht, den Willy-Brandt-Platz in der Messestadt zu beleben. Die Interessen gehen dabei auseinander, wie GLOBALOCAL aufzeigt.

Ein Jahr nach dem here we are-Projekt stellte die Stadt München eine Gruppe großvolumiger Sitzmöbel aus farbigem Kunststoff auf dem Willy-Brandt-Platz auf. Damit sollte die bis dato nicht vorhandene Aufenthaltsqualität geschaffen und der Platz endlich belebter werden. Die quietschbunten Plastikkuben wirken wie eine Art infantiles Playmobil für Erwachsene und passen irgendwie gut zur Produkt-Kunstwelt des angrenzenden Großeinkaufszentrums. Vielleicht hat es zeitweise ja geklappt mit einer gewissen Belebung, wirklich befriedigend schien die Lösung jedoch nicht zu sein. Jüngst wurde in den lokalen städtischen Gremien über eine neue Gestaltung des Platzes in größeren Dimensionen diskutiert. Think big.

The story behind
One year after the here we are project, the Munich city administration arranged a group of big-size chairs at the Willy-Brandt-Platz, made of colorful plastic cubes. The city hoped that the mostly bare und empty square would become more attractive for passers-by and this furniture would bring more life to this large urban place. By the way – the colorful plastic cubes look a little bit like infantile toys for adults and fit very well to the big shopping mall in the direct neighborhood. Maybe the installation had worked sometimes, but this solution seems not to be really successful. The local politicians had discussed a new design for the square in a greater size. Think big.

Enzis

Stadtplaner, aber auch Handelsexperten, sehen Großeinkaufszentren mit gemischten Gefühlen, entziehen diese Shopping Malls doch den kleineren Händlern in den Stadtvierteln enorm Kaufkraft und verdrängen urbane Vielfalt. Auch in der Messestadt-Riem konnten sich bisher nur wenige kleine unabhängige Läden etablieren. Mit der Handelsstruktur der globalisierten Ketten entsteht oft ein überall gleiches dominierendes Warenangebot aus nicht selten problematischen Herstellungsprozessen und dem genauso problematischen Gebrauchsende in der „Entsorgung“ als Müll.

Die Union Investment gehört zu den großen Finanzfonds und wird aus Kleinanlagegeldern der vielen regionalen Raiffeisen- und Genossenschaftsbanken gespeist. Das Unternehmen gibt sich der Nachhaltigkeit verpflichtet. An dem ohnehin bis zur Unkenntlichkeit überdehnten Begriff scheint – zumindest was das Interesse an verträglichem Handeln vor Ort angeht – nicht allzu großes Interesse zu bestehen: Mehrmalige Anfragen zum Thema Willy-Brandt-Platz und Messestadt während des wir hier / here we are-Projekts blieben unbeantwortet.